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Heinz Sauer & Daniel Erdmann Quartett – Special Relativities

Heinz Sauer (ts)
Daniel Erdmann (ts)
Johannes Fink (b)
Christophe Marguet (dr)

CD: Special Relativity (Jazzdor Series)

Sie sind – jeder für sich – zwei profilierte Individualisten, die nun zusammen gefunden haben. Heinz Sauer nennt der Jazzpublizist Hans-Jürgen Schaal „die unbeugsame Instanz des deutschen Jazz“, die sich aus dem Schatten der amerikanischen Idole freispielte und seitdem ihren eigenen Weg geht – bis heute „mit vollem Risiko“, wie im improvisierenden Duo mit Michael Wollny. Über Daniel Erdmann sagt der Jazzkritiker Wolf Kampmann, er besitze das „Mangelsdorff-Gen“ und meint damit: „Es ist ihm ein Bedürfnis, in jeden einzelnen Ton Tiefe, Bedeutung und Brisanz zu legen.“ Das hört u.a. wenn sich Erdmann und das Trio „Das Kapital“ mit der Musik Hanns Eislers auseinandersetzten. Jetzt tritt Erdmann mit Heinz Sauer in einen lebendigen Dialog: „Mit Heinz zu spielen ist tatsächlich eine Chance, denn er ist ein wirklich einzigartiger Musiker. In seinem Spiel ist eine Dringlichkeit, Ehrlichkeit, Poesie. Er hat eine unverkennbare Stimme, einen sehr inspirierten Sound. Und das verbindet uns auch: die Wichtigkeit des Klanges unserer Instrumente.“ Den verehrten Kollegen hatte Erdmann noch in Konzerten mit Albert Mangelsdorff gehört. „Ihre frühen Platten habe ich erst später wahrgenommen, und das war wirklich eine Offenbarung, denn die ähneln in Ansatz und Struktur meinem Ideal von zeitgenössischer Jazzmusik. Mit anderen Worten: ich kann mich mit diesen Musikern und dieser zeitlosen Musik identifizieren, auch wenn meine Geschichte und Einflüsse andere sind.“ Den Bezugspunkt Mangelsdorff hat das Quartett „Special Relativities“ inzwischen hinter sich gelassen. Sauer, „der Mann, der sich nicht ausruht“ (Berliner Zeitung), fände den Blick zurück vermutlich „unproduktiv“. Stattdessen haben die beiden Instrumentalkollegen mit Bassist Johannes Fink („Joachim Kühn Trio“, „Aki + the Good Boys“) und Schlagzeuger Christophe Marguet (Joachim Kühn, Sebastien Texier) ein eigenes Koordinatensystem entworfen. Die Grundlinien: expressive Melodiösität,  ein narratives Klang-Vokabular und die Lust am freien Spiel der Fantasie.

Presse:

Wenn zwei das Gleiche machen, ergibt das noch lange nicht Gleiches. Das Generationentreffen von Heinz Sauer und Daniel Erdmann in der Unterfahrt veranschaulichte das ideal. Beide spielen Tenorsaxofon, beide sind sie in ihrem Jazzverständnis ähnlich, das man in der Traditionslinie von Albert Mangelsdorff sehen kann. Beim 83-jährigen Heinz Sauer ist das kein Wunder, war er doch jahrzehntelang dessen Weggefährte, aber auch beim 42-jährigen Daniel Erdmann – musikalisch in Berlin und Paris ausgebildet und seither zwischen den Städten pendelnd – bekommt jeder Ton eine Betonung, geht es in jeder Note um einen existenziellen Ausdruck. Und doch findet jeder dabei einen ganz eigenen Weg.
Fast symbolisch könnten dafür die Instrumente stehen: Sauers Saxofon glänzt, während Erdmanns matt ist. Wenn Sauer spielt, fixiert er mit aufgerissenen Augen entweder seinen Mitspieler oder einen imaginären Punkt in der Ferne; sein Klang ist dementsprechend extrovertiert, ja exaltiert. Erdmann hingegen spielt meist mit geschlossenen Augen, alles wirkt verinnerlicht, seine Motive klingen gedeckter, harmonischer. Nachdem die beiden zwei Stücke gebraucht hatten, um zueinander zu finden, erwies sich das als perfekte gegenseitige Ergänzung. Ob unisono, versetzt oder solo, ob bei Sauers Bebop-Blues mit grandioser Melodielinie und dem faszinierenden Vexierspiel von Klang-Zerstreuung und -Sammlung, ob bei Erdmanns vertrackt-gewitzten Kompositionen oder gleich bei einem Mangelsdorff-Klassiker – hier zelebrierten zwei das Aufeinanderhören und im Wortsinne Miteinanderspielen.
Wobei ihnen die Begleiter – beide seit langem bei mehreren von Erdmanns Projekten dabei – mehr halfen, als das in den meisten Quartett-Besetzungen üblich ist: Der Franzose Christophe Marguet schuf mit energischem, mitunter regelrecht marschierendem Schlagzeug ebenso einen sicheren Rahmen für die freien Ausritte der Saxofone wie Johannes Fink – schon als im Sitzen spielender Bassist ein Unikum – mit flirrendem Bogenspiel. „Wir spielen nicht oft zusammen, deshalb ist es auch für uns spannend“, hatte Sauer eingangs gesagt. Mit demselben trockenen Humor könnte man sich fast wünschen, dass das so bleibt.
Oliver Hochkeppel, Süddeutsche Zeitung, 12.01.2016

Hier zeigt sich eindrucksvoll, welch intensive, bezwingende Stimmungen, Grooves und Klangfarben entstehen können, wenn Klasse-Instrumentalisten ihr Können und ihre Kreativitätbei aller Eigenständigkeit ganz und gar in den Dienst der gemeinsamen Musik stellen.
Birgit Nüchterlein, Nürnberger Nachrichten, 11.1.2016

 

Weitere Infos:

www.daniel-erdmann.com

www.heinzsauer.de

www.johannesfink.com

www.christophemarguet.net