[Christian Zehnder Quartett]
Konzerte ganzjährig auf Anfrage
Homepage: www.zehndermusic.ch
MySpace: myspace.com/christianzehnder

Christian Zehnder: Vocals, Jodeling, Overtonesinging, Laudola, Bandoneon
Barbara Schirmer: Swiss Cimbalom
Thomas Weiss: Percussion, Drums
Michael Pfeuti: Double Bass, Bassetto
Aktuelle CD: Schmelz
Traumton Records 4542
schmelz!
Die Stimme ist ein rätselhaftes Instrument. Man meint sie zu kennen, schließlich hat man tagtäglich mit ihr zu tun. Sie scheint erforscht und in ihrer Dimension seit langen Jahren definiert, doch dann kommt jemand wie der Sänger des schweizer Duos ‘Stimmhorn’ Christian Zehnder mit seinem neuen Quartett und wirft Fragen auf. Denn schmelz hat nicht viel mit dem, was der Titel dem Anschein nach assoziiert, gemein.Ästhetik ist eine Vereinbarung in Geschmacksfragen. Im Fall der Stimme hat sich während der vergangenen Jahrhunderte ein Konsens herausgebildet, der vor allem auf die Reinheit des Klangs Wert legt. Das hat seine Wurzeln in der Kirchenmusik, die jede Form von Kontrollverlust in Form von möglicherweise schwer zu steuernden Emotionen zu vermeiden suchte, weil das Teufelswerk sonst seinen Weg in die Welt hätte finden können. Heraus kam eine zugespitzte Form der Kunststimme, flankiert von geduldeten, dezent raueren Seitenlinien der Volksmusik, die das europäisch musikalische Stimmverständnis bis heute dominiert. Zwar ist die Avantgarde dagegen angerannt, hat Röcheln, Schreien, Syllabieren zum sounddramaturgischen Handwerkszeug hinzugefügt. Aber selbst der flehende Ruf des Blues beschränkte sich nur auf graduelle Veränderungen von Timbre, Artikulation und Diktion, die im Kern einem Idealbild des volksmusikalisch Tolerierten entsprachen.Doch es gab Ausnahmen dieser Regel und sie hingen zumeist mit der räumlichen und kulturellen Distanz zu den Normen des christlichen Abendlandes zusammen. Afrika hatte eine umfassende Tradition der Trancegesänge, bevor die Missionare kamen. Asien kennt bis heute aufregende Klangüberlieferungen etwa in den Obertongesängen von Tuva. Und auch in Europa gab es entlegene Gegenden, die sich der Uniformität widersetzten. „Bei uns in der Schweiz“, meint Christian Zehnder, „gibt es eine eigenständige Entwicklung des Obertongesangs, die unabhängig von dem gelaufen ist, was wir zum Beispiels von Huun Huur Tu kennen“. Und dann erzählt er von Resonanzräumen im Kopf und Atemtechniken, die archaisch wirkendeKlänge hervorrufen, die vor allem deshalb irritieren, weil sie dem Ideal des Vorhersehbaren und Kontrollierten eine kantige und emotional bewegende Ausdruckskraft entgegensetzen.
Dabei geht es Christian Zehnder nicht um den Effekt. Er ist vielmehr ein von Grund auf neugieriger Mensch, der sich nicht mit einmal Erreichtem zufrieden gibt und daher ständig nach alternativen Ausdrucksmöglichkeiten sucht. Geboren in Zürich und ausgebildet in Basel, hat er während der vergangenen zwei Jahrzehnte verschiedene künstlerische Entwicklungsstadien durchlaufen, angefangen mit dem mehrfach preisgekörnten Duo Stimmhorn über verschiedene Projekte, die ihn mal mit Kollegen wie den Obertonsängern von Huun Huur Tu, dem Theaterlabor der Amazonas Oper der Münchner Biennale oder dem renommierten Latvian Radio Choir zusammen gebracht haben, mal zu eigenen Experimenten wie mit den Gruppen gländ und kraah geführt haben. Er hat sich ausführlich mit dem Jodeln beschäftigt, hat Kunstlied und Theatersprache ebenso durchleuchtet wie rar gewordene Lieder wenig frequentierter Alpentäler und auf diese Art und Weise ein Instrumentarium der vokalen Ausdrucksformen angesammelt, das seine Musik markant von der Normalität des Stimmerlebens absetzt.
Sein aktuelles Quartett und das Programm schmelz sind daher konsequente Fortentwicklungen der Erkundungen, die er mit Gruppen wie kraah bislang gewagt hatte. Christian Zehnder geht es dabei um Klangfarbe und das Ensemble des künstlerischen Eindrucks. Sprache etwa wird zu einem der vielen Mittel der Gestaltung, inhaltlich mal ironisch gebrochen, mal in Silbenfragmente zerlegt. Das Pfeifen und Näseln der Obertöne steht gleichwertig neben den Registersprüngen des Jodelns, die zugespitzte lyrische Diktion neben der Lakonik rezitierender, sinnierender Momente. Musikalisch ist von der Tango-Ahnung bis zum Hauch der Avantgarde alles möglich, wobei das aus dem kraah-Trio hervorgegangene Quartett schmelz durch Barbara Schirmer und ihr Schweizer Hackbrett eine neue, irisierende Klangcharakteristik bekommt.
Das Resultat dieser Kombination ist faszinierend, irritierend. Volksmusikalisch Alpenländisches trifft auf eine Prise Balkan, mittelalterlich Anmutendes auf Klänge, die man in der afrikanischen Tradition vermuten würde. Schmelz ist moderne Kammermusik auf der einen und hintersinniges Varieté auf der anderen Seite. Das Programm spielt mit den Erwartungen an die imaginäre Folklore, schwenkt ins Theatralische, gibt vor, mal Chanson, mal Arabeske zu sein, jongliert mit der Sprache, die es zerhackstückt oder poetisch auskostet, überhöht und skelettiert. Christian Zehnders Klangideen sind dabei offen für Einflüsse, Assoziationen aus allen Kulturkreisen, die von Asien bis Südamerika, die sich für die Umsetzung seiner musikalischen Visionen anbieten. So entsteht eine eigenständige musikalische Welt, die, obwohl mitten aus Europa, ungewohnter, exotischer erscheint als vieles, was die Ferne zu bieten hat.
Christian Zehnder über schmelz und seine Stimmkunst:
„Jodel und Obertongesang sind für mich die ursprünglichsten und ergreifendsten Gesangsformen, die eigentlich auch nicht an bestimmte Kulturen gebunden sind. Das Jodeln zum Beispiel findet man überall auf der Welt, in den schillerndsten Ausprägungen. Global Jodeling als völkerverbindende Sing- und Kommunikationsform. Es ist eben auch meine Biographie, die aus mir singt, und die kümmert sich nun einmal nicht um Stile und Regeln des Gesangs. Ein launisches Tier ist sie schon, meine Kehle. Dass kann dann auch mal süss klingen, wie bei Schuberts Liedern, endet aber zumeist unverhofft in einem weitläufig raunenden Crescendo eines übermütigen Berglers.“
Christian Zehnder - Stimme, Knopf- und Seiteninstrumente
Christian Zehnder wurde mit dem mehrfach preisgekrönten Duo Stimmhorn bekannt, das von 1996 an mit ungewohnten Klang- und Spielvorstellungen die moderne schweizer Folklore prägte. Neben eigenen Projekten (kraah, gländ und schmelz) arbeitet er als Solist mit verschiedenen internationalen Formationen wie Huun Huur Tu, Mercan Dede, dem casalQUARTETT und Don Li. Als Interpret Neuer Musik wirkte Christian Zehnder bereits bei der Amazonas Oper der Biennale München mit und kooperierte mit dem renommierten Latvian Radio Choir aus Riga. Sein Interesse an der darstellenden Kunst bringt ihn außerdem mit dem Theater zusammen, wo er als Schauspielmusiker, Komponist oder Regisseur Projekte realisiert.
Barbara Schirmer - Hackbrett
Nach dem Studium in Bern und einem einjährigen Aufenthalt in Südamerika widmete sich Barbara Schirmer ganz der Musik. Sie hat das Hackbrettspiel von ihrem appenzellischen Vater übernommen. Zusammen mit ihren Eltern pflegte sie in der legendären «Schürmüli Musig» traditionelle Appenzeller Musik und kombinierte mit dieser Gruppe als eine der ersten einheimische Musik mit Volksmusik anderer Kulturen. Kontinuierlich baute sie das Hackbrettspiel weiter aus. Mit einer sensiblen Klangforschung sowie mit Humor und Witz brach sie den traditionellen Kontext auf und trat in einen dynamischen Dialog zu ihren musikalischen Wurzeln.
Sie erhielt mehrere Förderbeiträge, ins besonders für die Entwicklung der 4-Stick-Technik für das Hackbrett. Basierend auf der Vibraphontechnik erarbeitete sie eine völlig neue Spielart, die der Klanglichkeit und Mehrstimmigkeit dieses Instrumentes noch unentdeckte Räume öffnet. Damit verbunden begann sie für diese musikalische Erweiterung zu komponieren. Aufträge für Theater-, Film- und Hörspielmusik zeigen das vielfältige Interesse an ihrer kompositorischen Arbeit.
Als Solistin sowie mit verschiedenen Gruppen und Projekten hat sie sich weit über die Landesgrenzen hinaus einen Namen gemacht, zum Beispiel: Hackbrett-Magie-Projekt Deutschland, Festival interculture Senegal, International Drum Festival Korea, Klangkörper Schweiz Hannover 2000, World Week of Santour
Iran 03, Festival Volksmusik kreativ Salzburg 03, Festival del Caribe Kuba 04, Festival del Salterio Mexiko 09 sowie Konzerte in Ungarn, Slowakei, Weissrussland, Japan und China. Zahlreiche Radio- und TV-Stationen haben die Künstlerin portraitiert und ihre Musik dokumentiert. Mehrere CDs erschienen auf ihrem eigenen Label www.hackbrett.com
Michael Pfeuti - Kontrabass
wurde 1959 in Basel (CH) geboren. Er studierte Kontrabass an der Musikakademie Basel und arbeitete anschließend mit verschiedenen klassischen Orchestern unter der Leitung namhafter Dirigenten wie Paul Sacher, Armin Jordan, Hans Werner Henze, Antal Dorati, Mario Venzago, Pierre Boulez, Nello Santi, Heinrich Schiff, u. a.
Bald schon suchte er eigene Wege in der experimentellen Musik, in Rock-, Jazz-, und Avantgarde- Formationen wie back to the boots, City-6-ttet und ADN.
Es folgten Studienaufenthalte in New York, Ägypten, Mali, Paris, Bali, Australien und St. Petersburg.
Seine musikalische Vielseitigkeit macht ihn zu einem gefragten Musiker in zahlreichen Musik-, Film-, Theater-, CD- Produktionen (Tournee “Stiller Has“, Musiker bei “Bern ist überall“).
Mit der ‚Synfolie’, einer fantastischen Symphonie, zur Eröffung von Wildwuchs 07 gelang es ihm, die jahrelange musikalische Arbeit mit behinderten Menschen zu einem grossen Erfolg zu führen.
www.pfeuti.ch
Thomas Weiss - Perkussion, Schlagzeug
wurde 1963 geboren und lebt in Muttenz bei Basel. Seit 1989 ist er hauptberuflich Trommler und Instrumentenbauer und Inhaber der Firma Twice Percussion in Liestal bei Basel. Diverse Neu- und Weiterentwicklungen im Bereich ethnischer Trommeln/Perkussion/Klanginstrumente.
Seine musikalische Laufbahn beginnt mit dem Erlernen der Basler Trommel. Als Jugendlicher studiert er afrikanische Perkussion und Conga bei Mukoko C. Chapotoka. Wichtige Erfahrungen mit improvisierter Musik und Worldmusic macht er mit den Gruppen Baum, SwissKebap, Back to the boots und Megadrums.
Sein Interesse an aussereuropäischer Perkussion führt zu meist langjährigen Studien: Balinesische Bambus- Xylophon-Musik bei Joel VanDroogenbroeck, kubanische Batà-Trommeln bei den Gebrüdern Gagneux, indische Rhythmuskonzepte bei Pandit Arjun Shejwal, koreanische Perkussion bei Kim Duk Soo’s Samul Nori etc. Ausgedehnte Tourneen mit R. Flatischler’s Megadrums (u.a. mit Wolfgang Puschnig, Aja Addy, Dudu Tucci, Samul Nori). Seit 25 Jahren ist er als Perkussionist mit dem Chor Contrapunkt tätig (Canto General, Ressureccion, Tanja Jawab, zu Bethlem überm Stall…). Projekte mit Lukas Rohner: Steingong, Klang das Wort, Duo Windhand, Trio Hati-Hati mit Andreas Gerber und Urs Wiesner - Bambusmusik.
Presse CD Zehnder kraah
“Der Schweizer Christian Zehnder setzt seine ganz eigene Form von Obertongesang gegen alle Klischees, wie er auf
seiner ersten Solo-CD “kraah” beweist. Was als Jodeln beginnt entwickelt sich bei ihm zu einem Popsong,
Obertongesang und Opernarie gehen nahtlos ineinander über, Lautmalereien grooven mit dem Kontrabaß um die Wette
und dramatische Kehlkopflaute werden von einem wütenden Streichquartett umspielt. Zehnders Singen erzeugt ein
Wechselbad an Zuständen und Stimmungen, er jodelt, juchzt, jammert, gluckst, schreit, schnalzt, gurrt, kräht.”
WDR5, Scala, Anna Bianca Krause, 2.10.2008
“Der Schweizer Christian Zehnder hat sich den Raben verschrieben. Mit Obertonstimme und brachialer Jodeltechnik, Wippakkordeon, Bandoneon und allerhand Gastmusikern spürt er den schwarzen Vögeln nach. So entsteht eine seltsame, aber immer zwingende, rhythmisch geerdete Musik, die die Räume des menschlichen Organs auch ins Unbekannte weitet. Ein nie gehörter Alpensound, der Verbindungen bis nach Asien und Afrika offenhält – Maultrommel, Standbass oder Streichquartett einschließend. Eine ganz individuelle Klangreise. Ein archaisches Zeugnis mitten in derJetztzeit. Wunderbar!”
www.fonoforum.de, Tilman Urbach, 9/2008
“Christian Zehner aus Basel irgendwo musikalisch einzuordnen fällt schwer. Er ist ein Stimmakrobat, der sich zwischen Folklore, Jazz und zeitgenössischer Orchestermusik bewegt, er ist Musiktherapeut, Stimmpädagoge, Theaterschauspieler und Performance-Künstler in einem. Seine Präferenz liegt aber eindeutig in der nonverbalen Ausdrucksform der Stimme, im Aufspüren neuer Vokaltechniken und in der Ausübung derselben vor Publikum. Zehnder kam über das herkömmliche Gesangsstudium zu alternativen Formen der Jodel-Kommunikation und schließlich zum europäischen Obertongesang, der sich vom mongolischen dadurch unterscheidet, dass er auf westlichen Ideen basiert.
Neben seinen Soloprojekten arbeitet Zehnder vor allem mit seinem Stimmhorn-Kollegen Balthasar Streiff zusammen. Für dieses Projekt jedoch hat er sich mit anderen Musikern zusammen getan. Es begleiten ihn Georg Breinschmid am Kontrabass und Thomas Weiss, Perkussion. Als Gäste treten auf: Christoph Marthaler (Blockflöte), Don Li (Klarinette), Noldi Alder (Violine), Anton Bruhin (Trümpi – eine Art Maultrommel) sowie das Streicher-Quartet Casal. Der CD-Titel „Kraah” ist ein Hinweis auf Rabenvögel. Ihnen will es Zehnder – zumindest partiell – gleichtun. Er experimentiert singvogelgleich mit der menschlichen Stimme, er pfeift, krächzt, zirpt und gurrt. Mal komplett für sich alleine, mal im Verbund mit den Musikern. Das ergibt dann zum einen eine markige experimentelle Urwüchsigkeit, zum anderen aber auch jazzartig-harmonische Klangkörper von entrückter Schönheit. Zehnder versteht es wie kein Zweiter, Oberton, Jodel und andere nicht zuordenbare Töne zu modulieren und zwischen ihnen zu changieren. Dank der reichhaltigen Instrumentalbegleitung wird diese CD folglich auch nie eintönig. „Einen Vogel im Rachen nisten lassen” umschreibt am besten, was sich auf diesem Tonträger abspielt. Christian Zehnder ist ein magisch-genialer Rabenvater.”
www.sound-and-image.de, 9/2008
“Das Album Kraah ist das Solodebüt des schweizer Sängers Christian Zehnder. Der Titel deutet den Ruf des Raben an. Trotz ihres rau klingenden Tons werden die Raben als Krönung der Singvögelevolution bezeichnet. Ihr Plaudergesang hat es in sich – sie haben ein riesiges Stimmpotenzial. Christian Zehnder wählt den Obertongesang. Er will die Möglichkeiten des Kehlkopforgans und die damit verbundenen Resonanzräume ganz ausschöpfen.
So experimentiert er an den Grenzen der menschlichen Stimme, lässt sie pfeifen, krächzen, zirpen und gurren – und schafft Lieder jenseits der Worte. Auch das Jodeln hat es dem ausgebildeten Baritonsänger angetan. Es hat ihm das Verständnis der Naturstimmen verschiedener Kulturen näher gebracht. Mit seinem Ensemble lässt Christian Zehnder auf zehn packenden Tracks heimatliche und gleichzeitig unbekannte und beglückend eigensinnige Töne erklingen.”
RBB Kulturradio, Michael Seyfert, 20.08.2008, Bewertung: großartig
“Zehnder – Ortlose Volksmusik
Die zerklüfteten Bergwelten der Alpen haben so manches ungewöhnliche Vokalgenie geboren. Im prävirtuellen Zeitalter konnte die orale Kommunikation von Berg zu Berg immerhin das Überleben sichern. Zu den Künstlern, die dieses Erbe selbstbewusst weiterführen gehört das schweizerische Duo Stimmhorn. Dessen Sänger Christian Zehnder fand jetzt heraus, dass es sich selbst am Hang auf zwei Beinen besser steht als auf einem, und überrascht die Musikwelt mit einen Solo-Debüt. Von alpiner Exotik ist da allerdings nur noch wenig zu spüren. „Kraah“ (Traumton/Indigo), so der Titel, ist eher ein kompaktes Rockalbum mit hohem Jodel- und Obertonanteil, der verblüffend organisch ins Bandkonzept eingegliedert wurde. „Ich habe Stimmhorn immer noch gern“, gesteht Zehnder, „doch ich wollte auch mal mit den Grooves und eingängigeren Harmonien arbeiten. Das Publikum springt auf dieses Konzept viel direkter an.“ Die Musik auf „Kraah“ scheint zu keinem konkreten Ort zu gehören. Zehnder sucht nicht nach Verbindungen offensichtlicher Komponenten, sondern entfaltet die Geografie einer ganz eigene kleinen Welt, die in sich so stimmig ist, als beschreibe er die Quintessenz einer Jahrtausende alten Tradition. „Es geht darum, die richtigen Zeichen zu setzen“, begründet Zehnder seinen Alleingang, bei dem ihn u.a. Georg Breinschmid (Kontrabass) und Thomas Weiss (Perkussion, Schlagwerk) unterstützt haben. „Die alternative Volksmusik boomt, und doch erliegt auch sie dem Gesetz der Trägheit. Ich habe lange überlegt, wie es weitergehen soll und wo die logischen Konsequenzen dessen liegen, was ich seit Jahren tue. Irgendwie resultiert daraus mein eigener Blues.“ „Kraah“ ist ein ebenso verträumtes wie urbanes Album, aber die meistens pastoralen Träume werden heute sowieso in der Stadt geträumt. Der Entwurf von Zehnders vokaler Klangarchitektur ist kühn, weil er ohne jede Sentimentalität und artifizielle Verspannung auskommt. Ein großer Stimmkünstler unserer Zeit entwirft nicht weniger als eine ideologiefreie Volksmusik der Zukunft, für die der Kanon der tradierten Idiome nur noch den Wert einer universalen Bibliothek besitzt.”
Jazzthing, September 2008, Wolf Kampmann
“Zürich, Moods. - «Kraah» sagt, singt er gleich im ersten Stück, gibt sich auch in seiner Gestik als Rabe, simuliert mit Armen Flügel: Sollten wir im Vortrag eines Vogelkundlers sein? Aber nein. Christian Zehnder, bekannt vom Duo Stimmhorn, stellte am Freitag vor begeistertem Publikum sein erstes Soloalbum «Kraah» vor. Ein seltener Singvogel ist Zehnder, ein Stimmkünstler, der mit dem Kehlkopf seinen eigenen Ton gefunden hat, die Resonanzräume in sich ausschöpft, Obertontechniken nutzt, auch juchzt, jodelt.
Im Moods lässt sich Zehnder, der selber auch Saiteninstrumente bedient, von einem Duo aus Schlagzeug und Kontrabass begleiten. Filigran, durchsichtig sind die Begleittexturen, und das ist genau das Richtige für seine Stimme, die den Abend fast vollumfänglich prägt. Den konzentrierten Gestus eines Schauspielers hat Zehnder, das Deklamatorische eines klassischen Sängers (gut, dass das im Konzert sichtbar wird, auf CD geht das leider verloren). Manchmal ist er schneidend eindringlich, ein Dramatiker, der die Aufmerksamkeit fesselt. Sein Perfektionsanspruch lässt ihn jeden Ton sorgfältig formen, einen wohl durchdachten Bogen spannt er über das eine lange Set, das er spielt. «Chummer», sagt er ein Stück an. Herzergreifender Gesang folgt, die wortlose Klage eines sich krümmenden Schmerzensmannes. Zehnder, der in anderen Stücken auch voller Witz ist, erscheint bei all seiner Wortlosigkeit keineswegs sprachlos, sondern als veritabler Erzähler; er lässt Sprachlaute auf seiner Zunge zergehen, kostet ihre Akustik aus, ein Gourmet der Knack-, Zisch- und sonstigen Laute, und: Man hat bei seinen nonverbalen Klangereignissen immer das Gefühl, dass einem hier von tiefem Erleben erzählt wird. Das unterscheidet Zehnder vonStimmkünstlern wie Lauren Newton oder Phil Minton, deren Lautmalereien einem kaum je als Geschichte vorkommen wollen; man würde darum Zehnders wortlose Erzählkunst auch nicht als experimentell bezeichnen wollen. Rein handwerklich verfügt Zehnder über ein sehr geschultes Organ. Und ein äusserst wandlungsfähiges dazu. Ja, Zehnder verwandelt sich an diesem wunderschönen Konzertabend mit seiner Stimme in einen Raben. «Kraah, kraah!» Und auch
noch in Lerchen und Rohrspatzen, in Elstern und Kolibris. Für Details müsste man wohl jetzt doch einen Ornithologenfragen.”
Tages Anzeiger, Februar 2008
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