Welcome to shoestring_jazz_booking

Meyer | Baumgärtner | Meyer

15 September 2011

Konzerte ganzjährig auf Anfrage

mbm4_web1.jpg

Peter Meyer: guitar
Bernhard Meyer: bass
Moritz Baumgärtner: drums

New CD: Melt (Traumton Records)
VÖ: September 2011

www.meyer-music.de

Wie oft passiert es, dass Musik so neu klingt, als hätten wir etwas vergleichbares noch nie gehört? Dass sie uns anregend verunsichert und mit mehr Fragen als Antworten zurücklässt? Die Welt von Jazz und Rock hat uns in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit unzähligen Gitarrentrios von Nirvana bis zum neuen Bill Frisell Trio beschenkt. Meyer – Baumgärtner – Meyer setzen jedoch mit ihrem ersten gemeinsamen Album „Melt“ nicht dort an, wo andere Gitarrentrios aufhören, sondern sie beginnen bei Null, gerade so als wären sie die erste Gitarre-Bass-Drums-Band überhaupt. M-B-M sind nicht die neuen dies oder die nächsten das, sondern entfalten ihre ureigenen urbanen Klangwelten. Jedes Namedropping würde hier ins Leere laufen.

Gitarrist Peter Meyer, Bassist Bernhard Meyer und Drummer Moritz Baumgärtner sind keine Unbekannten auf dem Berliner Jazzpflaster. Die stets als Einheit auftretenden Meyer-Brüder haben unter anderem im Lea W. Frey Trio und bei der Band MSV Brecht gespielt. Baumgärtner hingegen gehört zu den umtriebigsten Figuren in der Berliner Komprov-Szene um Johannes Lauer, Marc Muellbauer und Daniel Glatzel. Die Meyers haben bereits zahlreiche Erfahrungen in Gitarrentrios gesammelt, für Baumgärtner ist diese Erfahrung indes völlig neu. Die gemeinsame Troika ist jedoch für alle drei Beteiligten ein Aufbruch ins Unbekannte.

Was macht dieses Trio nun so besonders? Was haben M–B–M, das andere Gitarrentrios nicht haben? Was macht sie über jeden Vergleich erhaben? Die Meyer-Brüder haben über die Jahre ihres gemeinsamen Spiels eine symbiotische Ausdrucksdichte erlangt, die es fast unmöglich macht, komponierte und improvisierte Aggregatzustände, ja selbst die einzelnen Klangquellen beim Hören zu separieren. Für Baumgärtner ist es fast unmöglich, da einfach so mitzuhalten. Er will nicht vorgeben, der dritte Bruder zu sein, sondern setzt andere Akzente, indem er der Musik vorauseilt oder sich zurückfallen lässt, Interferenzen und Überlappungen findet, sich dem Duo im Trio annähert und wieder von ihm entfernt. Die Winkel und Seiten ihres gemeinsamen Dreiecks werden in jedem Stück unablässig neu justiert. „Nur der geringste Teil dieser Soundwelten kommt aus dem Jazz“, erklärt Moritz Baumgärtner. „Wir beziehen Indierock und elektronische Musik mit einem ausgeprägten Klangweltbewusstsein auf Improvisation.“

Baumgärtner und die beiden Meyers musizieren in dieser Form noch nicht lange miteinander. Aus gegenseitigem Interesse wurden zunächst einige Auftritte, bei denen man freies Spiel und ausgeprägtes Interesse an der Form jenseits ausgetretener Jazzpfade miteinander kombinierte. Bei einem dieser Gigs wurden die beiden Tontechniker Christian Farcher und Victor Meding auf das bis dahin noch lose Trio aufmerksam. Die Begeisterung war auf Anhieb so groß, dass sie die Drei zu einer Plattenaufnahme nach Stockholm einluden. Plötzlich musste die Band ihre bisherigen Erfahrungen von Improvisation und Komposition für die ganze Welt hörbar manifestieren. Neben dem vertrauten Material entstanden neue Stücke, in denen die Dynamik der Improvisation meist von klaren Stimmungen vorgegeben wurde. Improvisation ist hier niemals Selbstzweck. Sie ist vielmehr eine logische Vorwegnahme oder Weiterführung der Komposition, um von einer Ausgangssituation zu einem klar definierten Punkt zu gelangen. Die Konsequenz, mit der die Band dieses Prinzip durchhält, läuft auf eine komponierte Unschärfe in der Improvisation hinaus.

Auf diesem Weg arbeitet das Trio mit unterschiedlichen Dichtegraden. Manches erinnert an suprematistische Gemälde à la Malewitsch und El Lissitzky, bei denen die Maler scheinbar klare geometrische Formen unmerklich aufeinander zu oder voneinander weg laufen ließen und damit Unruhe oder Entspannung auslösten. Auf ähnliche Weise verdichten die drei Musiker eigenständige individuelle Statements zu einer gemeinsamen Geschichte. „Ich kenne die Brüder schon lange und war immer von ihrer gemeinsamen Soundwolke fasziniert“, beschreibt Baumgärtner diesen Vorgang. „Sie sind aber beide elektrisch verstärkt und arbeiten mit Hall und Loops. Für einen Schlagzeuger ist es akustisch nicht einfach, in diese Welt hineinzufinden. Diese kreative Herausforderung lässt mich Sachen spielen, die ich in anderen Besetzungen nicht höre. Ich denke an veränderliche Formen, wie zum Beispiel bei einem Kaleidoskop. Dinge, die zueinander passen, aber in ständiger Bewegung sind.“

Die instrumentalen Funktionen sind zwischen den drei Bandmitgliedern exakt aufgeteilt, und doch offenbart sich die Band beim Hören nicht so sehr als Kombination von Gitarre, Bass und Schlagzeug, sondern als Einheit aus drei subjektiven Stimmen, die sich gleichberechtigt austauschen. Gerade Baumgärtners Spiel ist unglaublich melodisch. Womöglich ist er der beste trommelnde Gitarrist Europas. „Ich bediene gern Grooves“, gibt er zu, „habe aber auch eine melodische Stimme, der ich Ausdruck verleihen muss. Ich spiele leider kein Melodieinstrument, kann aber mit dem Schlagzeug auch Bewegungen beschreiben. Dafür entfernen sich die Meyers in einigen Stücken von den Melodien oder wandeln Melodien in Sounds um. Diese Haltung ist ein Verbindungsglied zwischen uns. Melodien sind Leitungen für Improvisationen, die auch mal ohne Töne klingen können.“

M–B–M machen es ihrem Hörer nicht unbedingt leicht. Sie nehmen ihn in einen urbanen Dschungel mit, in dem er sich das Hörerlebnis bewusst erkämpfen muss. „Melt“ taugt nicht zur Klangtapete. Diese Musik will so intensiv und oft wie möglich gehört werden. Die Tiefenwirkung ist verblüffend. In Mikrostrukturen offenbaren sich unzählige Details, die man vielleicht erst beim zehnten Durchgang hört. Dafür wächst die CD kontinuierlich. Das dreifache Staunen der Band über ihre eigene Klangschöpfung überträgt sich unschwer auf den Hörer. Die drei Musiker halten den Kontext bewusst so offen, dass jede Frage eine neue Frage evoziert, man sich der Antwort aber bestenfalls annähern kann.

„Melt“ ist ein überzeugender Gegenentwurf zur iTunes-Philosophie, laut derer sich jede musikalische Botschaft in den ersten 30 Sekunden offenbaren muss. Hier ist stets das gesamte Stück die Message und die neun Botschaften der CD ergeben zusammen die Geschichte. „Melt“ ist eines der wenigen musikalischen Abenteuer, die jetzt, genau in diesem Augenblick beginnen und sich unbeirrbar in eine einzige Richtung bewegen: in die Zukunft.

[more…]

Lisbeth Quartett

11 Juli 2011

Konzerte ganzjährig auf Anfrage

11LisbethQuartettFoto@JochenQuastweb.jpg
Charlotte Greve_Sax
Manuel Schmiedel_Piano
Marc Muellbauer_Bass
Moritz Baumgärtner_Drums

New CD: Constant Travellers (Traumton Records), Release 10/2011

Soundcloud: Quiet Rush , Red  & The Tree
Video: Live at JazzBaltica 

Höher, weiter, schneller. Ja, es gibt diese seltsame Überzeugung: Jazz muss rasant, weltgewandt und unverbindlich sein wie ein Geschäftsmann auf Reisen. Überbordende Virtuosität scheint oftmals entscheidender als Nachhaltigkeit, ein schillerndes Konzept wichtiger als Bescheidenheit.
Umso erstaunlicher muss einem da das Lisbeth Quartett aus Berlin vorkommen. Drei der vier Mitglieder sind Anfang 20, aber wenn man die Musik der von der Saxofonistin Charlotte Greve gegründeten Formation hört, glaubt man, es mit lauter alten Seelen zu tun zu haben, denen sämtliche falsche Hektik vollkommen fremd ist.
Damit kein Missverständnis aufkommt: Die Stücke des Quartetts sind durchweg modern, sie leben von den Grooves und Kompositionsprinzipien der Jazz-Gegenwart. Aber in den Melodien und in den Soli offenbart sich eine Souveränität und ruhige Neugier, die nichts mit der Hektik der Billigflieger-Mentalität unserer Tage zu tun hat. Greve, Pianist Manuel Schmiedel, Bassist Marc Muellbauer und Schlagzeuger Moritz Baumgärtner sind Reisende alter Schule. Bedächtig, aufmerksam und immer im Moment - Suchende abseits der breit getretenen Touristenpfade der improvisierten Musik.
Das Lisbeth Quartett ist auch deshalb ein Glücksfall für den deutschen Jazz, weil sich hier vier Instrumentalisten zusammengeschlossen haben, die sich gewähren lassen, fordern und ergänzen. Es sind ganz unterschiedliche Erfahrungen, die bei den Mitmusikern der mehrfach preisgekrönten Bandleaderin zusammenkommen. Während Manuel Schmiedel als einer der meistgefragten Pianisten der Berliner Szene gilt und derzeit mit US-Gitarrist Kurt Rosenwinkel zusammenarbeitet, ist der ebenfalls extrem umtriebige Drummer Moritz Baumgärtner als Teil von Indie-Rock- und Elektro-Bands aus dem Umfeld der einflussreichen Formation „The Notwist“ auch jenseits der Jazzszene aktiv. Marc Muellbauer schließlich, unter anderem Mitglied des Julia Hülsmann Trios, zählt zweifellos zu den wichtigsten Bassisten des Landes.
Als Teil der renommierten, von dem Magazin „Jazz Thing“ und dem Label „Double Moon“ verantworteten „Next Generation“-Reihe veröffentlichte das Lisbeth Quartett 2009 die Aufnahme „Grow“. Das CD-Debüt brachte der Band viel Beachtung ein. Klarinettist Claudio Puntin lobte die „naturgegebene, ansteckende Kraft“ im Spiel der Bandleaderin, Saxofonist David Binney attestierte ihr eine Weisheit in der Balladeninterpretation, die weit jenseits ihrer Jahre liege. Für das Lisbeth Quartett folgten Konzerte beim 12 Points Festival in Dublin, bei der Burghausener Jazzwoche, dem European Jazz Meeting in Berlin und dem Festival JazzBaltica in Salzau, wo Saxofonistin Greve mit dem „JazzBaltica Förderpreis 2010“ ausgezeichnet wurde.
„Constant Travellers“, das neue, bei „Traumton“ erscheinende Album, kann man als organische Weiterentwicklung von „Grow“ bezeichnen. Das Quartett ist gewachsen, offener geworden. Die vier Instrumentalisten begeben sich da auf eine Expedition zum Ursprung der Musik, zur Melodie. Sie machen sich dabei auf einen ähnlichen Weg wie ihre Forschungskollegen im Geiste, Lee Konitz, Bill Evans, Charlie Haden oder Paul Motian, aber sie kommen ganz woanders heraus.
Das suitenartige Titelstück „Constant Travellers“ ist dafür das beste Beispiel. Das an sich simple Thema wird von Musiker zu Musiker vorsichtig weitergereicht; es entsteht dabei eine Art von schräger Kanon, der sich wie eine Mischung aus Bach-Fuge und Ornette-Coleman-Harmolodics ausnimmt. Mit still glühender Intensität spielt sich die Band in einen veritablen Rausch – um das Stück-Motiv anschließend im zweiten, balladesken Teil von „Constant Travellers“ zeitlupenartig zu sezieren. In dieser Suite findet sich alles, was das Lisbeth Quartet ausmacht: Eine nie zum Selbstzweck eingesetzte Fingerfertigkeit, eine ungemeine Konzentriertheit, aber auch eine spielerische Gewitztheit, die jeglichem Pathos vorbeugt.
Man kann es nicht anders sagen: Das Lisbeth Quartett ist ein Unikum in unserer hektischen mobilen Welt. Constant Travellers, mit Sinn, Herz und Verstand.
Presse:

Das Rad, so viel steht auch im Jazz seit etwa 40 Jahren fest, ist längst erfunden und erforscht und zu einem Lehrstoff für die Akademien geworden. Doch es dreht und dreht sich immer weiter und befördert Musiker ins Licht der Scheinwerfer, mit denen nicht zu rechnen war. Musiker wie das Lisbeth Quartett der Berliner Saxofonistin Charlotte Greve, das zu drei Vierteln gerade erst dem Jugendalter entwachsen ist. Mit selbstverständlicher Wucht und ausgeschlafener Spielfreude ziehen die vier Musiker ihre Runden, kratzen mit garstigen Akkorden an den Leitplanken der harmonischen Struktur und laden den swingenden Puls mit Reibungsenergie auf. Sie sind Könner, denen der Jazz schon ins Blut übergegangen ist. Doch wenn dann die Saxofonistin ihr Instrument ansetzt, zieht ein anderer Horizont auf, und jeder Gedanke an das Durchschnittsalter des Quartetts ist vergessen. Ein einziger Ton genügt: Markant und scharf und mit treffsicherem Timing schneidet er durch das Brodeln der Akkorde und steht im Raum wie ein Monolith. Charlotte Greve pfeift auf die Klischees und auf das athletische Schneller-Höher-Weiter - sie lässt ihren Ideen Zeit, sich zu entwickeln, lässt jedem einzelnen Ton den Raum, in dem er sich zu voller Größe auswachsen kann, bevor sie sich in einer geschmeidigen Bewegung zum nächsten, übernächsten schwingt. Nichts ist in dieser Musik vorhersehbar, nichts ist sicher. Das junge Lisbeth Quartett gibt eine Demonstration der Reife.
DIE ZEIT #44, Stefan Hentz, 27.10.2011

„Follow The Circus“ heißt eine der Kompositionen von Charlotte Greve. Aber genau das tut die 22-Jährige gerade nicht: Sie folgt keinem der Trends, der in den vergangenen Jahren den Jazz bestimmte. In der Musik der Altsaxofonistin und ihrem Lisbeth Quartett finden sich keine postmodernen Vexierspiele, keine beißende Ironie, kein Liebäugeln mit dem Pop und den elektronischen Möglichkeiten der digitalen Gegenwart.
Kurz: Charlotte Greve veranstaltet keinen Zirkus. Ihr Spiel ist von einer großen Gelassenheit und Konzentration geprägt. Man muss nur hören, wie behutsam sie bei „The Tree“, der Eröffnungsnummer von „Constant Travellers“, das Thema entwickelt. Man könnte dieses an Lee Konitz oder Charlie Mariano erinnernde Spiel „Neo-Cooljazz“ nennen – was sich auch Manuel Schmiedels zuweilen an Bill Evans gemahnender Akkordarbeit am Klavier verdankt.
Aber vor allem das zweigeteilte Titelstück zeigt, dass das Lisbeth Quartett auch durchaus dem Experimentellen zugeneigt ist. Greve, Schmiedel, Bassist Marc Muellbauer und Drummer Moritz Baumgärtner arbeiten sich da gemeinsam an einem Motiv ab, das von Instrument zu Instrument weitergereicht wird. Das hat nichts Angestrengtes, nichts Ätherisches. Mit großer Seelenruhe und einiger nie zur Schau gestellten Virtuosität begeben sich hier vier Musiker auf eine viel versprechende Expedition, auf deren weiteren Forschungsergebnisse man in der Zukunft gespannt sein darf.
Rondo, Josef Engels, 24.12.2011  

Lust auf sympathischen Modern Jazz? Das Lisbeth Quartett aus Berlin erfüllt diesen Wunsch auf angenehme Weise. Chartotte Greve demonstriert mit sieben Eigenkompositionen ihre fantasievolte Erfindungsgabe. Diese verknüpft sie mit Altsax-Diskursen, die eine individuelle Formensprache haben. “The Tree” ktingt wie eine zarte impressionistische Naturbeschreibung, aber auch in bewegten Stücken wie in den beiden Parts des Albumtitels überzeugen die Chorusse der Saxophonistin durch Gelassenheit. Diese Haltung bestimmt die gesamte lmprovisations-Gestik der Formation.
Musik **** KLANG ****
STEREO, 11/2011

Keine schnellen Neo-Bebop-Läufe, keine disharmonischen Reflexionen aus dem Alltag unserer lauten, lärmenden Welt? Geht das überhaupt? Ja, offensichtlich ist das möglich, wie das Lisbeth Quartett aus Berlin auf seinem zweiten Album (nach “Grow” 2009) belegt. Konstant unterwegs sein bedeutet, keinen festen Haltepunkt mehr zu haben, sondern von Ort zu Ort zu ziehen und bestenfalls ein paar später verwehende Fußspuren zu hinterlassen. Die überwiegend von Saxophonistin Charlotte Greve komponierten Stücke wirken wie aus einem Holz geschnitzt, unterscheiden sich jedoch in vielerlei Nuancen und Wandlungen. Mit Ausnahme eines Titels sind alle Stücke mehr als acht Minuten lang, Zeit also, die das Quartett zur ausgiebigen Darstellung seiner musikalischen Vorstellungen nutzt. Aufbau und Improvisation sind gelungen, die Vielschichtigkeit der Musik öffnet sich dem Ohr des Hörers recht schnell, Themen findet das Quartett in den Assoziationen des Unterwegssein.
WESTZEIT, Klaus Hübner, 10/2011

Stilvolle Höhenwanderung
Das Berliner Lisbeth Quartett mit der Saxophonistin Charlotte Greve bei “Jazz lt” in der Germeringer Stadthalle
Natürlich kommt Charlotte Greve aus Berlin. Woher denn auch sonst? Doch geboren ist die Saxophonistin in der norddeutschen Provinz am Rand der Lüneburger Heide. Nicht eben ein förderliches Pflaster für jemanden, der schon früh vom Virus des Jazz infiziert wurde und seinen Lebensunterhalt mit dieser Musik verdienen will. Hierfür sind die Voraussetzungen in der deutschen (Jazz-) Hauptstadt dann wohl doch um einiges besser - sofern man sich in diesem Schmelztiegel an musikalischen Stimmen und Stimmungen auch zu behaupten versteht.
Charlotte Greve kann sich akustisch aber sehr gut durchsetzen, ja sogar für gewaltiges Aufsehen sorgen, wie sie am vergangenen Freitag in der Germeringer Stadthalle bewiesen hat. Mit ihrem Lisbeth Quartett war sie zu Gast bei Jazz It im Amadeussaal und hat, das kann man an dieser Stelle getrost feststellen, das Publikum mit ihren musikalischen Visionen völlig verzaubert. Nicht mit altbackenem Mainstream, nicht mit zuckersüßen Popballaden im anbiedernden Jazzgewand und schon gar nicht mit schmeichelnden An- und Abmoderationen. Die Musik ihres Quartetts fesselte auf ungewöhnliche Weise. Leicht und verspielt klang die Band, und mit beinahe kontemplativer Gelassenheit widmete sich das Quartett den sehr komplexen Kompositionen, die fast alle aus der Feder Charlotte Greves stammten. Kompositionen, die trotz ihres hohen Niveaus und ihrer Qualität etwas bizarr Betörendes, ästhetisch Charmantes vermittelten. Ja, Jazz darf auch einfach schön klingen. An diesem Abend ging es also nicht um das ekstatische Chorusspiel, um das Erklimmen der Achttausender im Umfeld der freien Improvisation. Die beiden Sets von jeweils knapp einer Stunde erinnerten mehr an eine gemeinsame, anspruchsvolle Höhenwanderung, manchmal mit. schwindelerregend reizvollen Aussichten, manchmal am Klettersteig gefährlich balancierend, dabei immer die musikalische Landschaft des 20. Jahrhunderts genießend und motivierend im Blick. Im Vordergrund dieser musikalischen Entdeckungsreise standen - neben der kompositorischen Ambitioniertheit - Gruppenklang und Teamgeist, Konzentration, Innovation und eine gezügelte Leidenschaft.
Charlotte Greves Ton ist verhalten, klingt aber nicht verletzlich. Sie marschiert auf dem Altsaxophon nicht im Stechschritt nach vorn, sondern koloriert mehr, gibt der Musik diese überraschenden Wendungen und melodischen Impressionen. Sie spielt sparsam, deutet oft einen Ton nur knapp an, steht rein musikalisch mehr hinter der Band, was einen beinahe sibyllinischen Reiz ausübt. Ihr begleitendes Trio zeichnet sich durch flüssigen Mannschaftsgeist aus. Manuel Schmiedel am Piano klingt versöhnlich (nicht gefällig!), sucht die Provokation, die pianistischen Reibungspunkte in kleinen, raffinierten Figuren. Bassist Marc Muellbauer glänzt durch sein ruhiges, die Richtung vorgebendes,oder einen Wechsel einläutendes Spiel. Wenig scheint ihn zu erschüttern - zumindest musikalisch. Und Sebastian Merk hält am Schlagzeug die rhythmischen Fäden sicher inden Händen, ist dynamischer Motor und empathischer Mittler zwischen den einzelnen Instrumentalisten in Person. Live wirkt die Band insgesamt um vieles spannender und ungeschliffener als auf ihrer ersten CD mit dem Titel “Grow”. Bleibt zu hoffen, dass etwas von der in Germering erlebten stillen Sprengkraft des Lisbeth Quartetts auch auf der neuen CD “Constant Travellers” (Traumton) enthalten sein wird. Sie erscheint im November.
Süddeutsche Zeitung, Von Jörg Konrad , 20.09.2011  

[more…]