Welcome to shoestring_jazz_booking

[JazzIndeed with Michael Schiefel]

30 August 2011

Konzerte ganzjährig auf Anfrage

jazzIndeedOstkreuz

Michael Schiefel (voice), Jan von Klewitz (sax), Bene Aperdannier (piano)
Paul Kleber (bass), Rainer Winch (drums)

New CD: Ostkreuz, A-JAZZ, distributed by NRW-Jazz

Soundcloud: Berlin , Nightbus , Aufm Dorf

Das Ostkreuz im Berliner Stadtteil Friedrichshain ist der belebteste Bahnhof im Nahverkehrs-Netz der Deutschen Hauptstadt. Tag für Tag steigen hier rund 140.000 Menschen um in eine der neun Linien, die die Metropole durchkreuzen, umkreisen und mit dem Umland verbinden. Der Knotenpunkt, 1882 erbaut, ist denkmalgeschütztes Alltagsmuseum, sanierungsbedürftiges Provisorium und lästige Dauerbaustelle zugleich – kein Wunder, dass Jazzindeed „Ostkreuz“ zum Titel ihres Berlin-Albums gewählt haben. Nach fast zwei Jahrzehnten widmet das Quintett seiner “Heimatstadt” eine liebevolle Hommage. Denn Berlin, das ist für die fünf Musiker nicht nur Wohnort und die Stadt, in der sie 1992 als Band zusammenfanden. Berlin, das bedeutet auch Freiräume und Mythen, fremde Großstadt-Reviere und fast dörfliche Kiez-Nachbarschaften.
„Ostkreuz“ ist aber auch das lange erwartete vierte Album von JazzIndeed. Und so setzt „Berlin“ den Anfang eines enorm vielseitigen Programms - jene wehmütige Hymne, die Fischer-Z 1981 (auf »Red Skies Over Paradise«) der ummauerten Insel widmete. Genauer: jenem urbanen Dschungel, der in dieser ökologischen Nische der Weltgeschichte wurzelte und blühte. Drei Jahrzehnte später hat „Berlin“ nichts von seiner Faszination verloren, auch wenn die Großstadt-Klischees jetzt den direkten Vergleich mit anderen Lebensformen aushalten müssen, wie Michael Schiefels „Auf´m Dorf“ mit Altsax- und Synthie-Hochdruck unterstreicht. Der knackige Hit (übrigens auch eine Coverversion - von Schiefels Soloalbum »Don´t Touch My Animals«) stellt klar: wenn JazzIndeed von Berlin singen, ist das kein Soundtrack für Bedeutungshuberei im Guido-Knopp-Format, sondern dann sind das persönliche Liebeserklärungen an das Leben in und mit einer Stadt, von der sich schon die ganze Welt ein – wenn auch oft falsches – Bild gemacht hat.
So blieb selbst vielen Berlinern lange das weit im Osten gelegene „Ostkreuz“ ein Symbol für den unbekannten Teil ihrer Stadt. “Als ich nach Berlin gezogen bin, war das echt noch nicht auf dem Radarschirm” berichtet Michael Schiefel, Sänger und damit eine Art Frontmann der Band. “Ich war in Westberlin, und der Prenzlauer Berg, das war dann schon der totale wilde Osten”. Jetzt zeichnet der Titeltrack, den Bassist Paul Kleber mitbrachte, mit ostinaten Patterns ein Stimmungsbild vom quirligen Bahnhof, auf dem man nicht nur zu Zeiten des “witterungsbedingt eingeschränkten Betriebs” auch einfach “hängen bleiben” kann.
Und während das treffend beoachtende „Nightbus“ - von sanften E-Piano-Harmonien umspült - die Angst vor dem Betriebsschluss der Bahnen vertreibt, zollen JazzIndeed mit ihrer respektvollen Adaption des Element of Crime-Songs „Die letzte U-Bahn geht später“ den endlosen Kreuzberger Nächten ihren Tribut. “Normalerweise machen wir Coverversionen, wenn wir denken, da können wir noch mal einen anderen Blickwinkel finden. Hier ist das Original einfach sehr gelungen, da sind wir sehr demütig. Aber es macht irre Spaß, es zu singen” lacht Schiefel.
Viel Spaß macht auch das Wiederhören mit David Bowies „Heroes“: drei Jahrzehnte nach  “Christiane F. ” und zweiundzwanzig Jahre nach dem Mauerfall trifft die Ballade immer wieder neu das Lebensgefühl der Stadt. “Dieser Text funktioniert auf einer emotionalen Ebene, so dass sich Viele damit identifizieren können. Aber wenn man viele Leute interviewen würde ‘Was bedeutet dieser Text?’ kämen da wohl sehr unterschiedliche Ergebnisse heraus. Das finde ich ganz schön” sagt Michael Schiefel über den Song, den David Bowie in Berlin geschrieben – und ihn hier auch in einer deutschen Version gesungen hatte.
Quasi über Bande spielt der Titel „Vilshofen“ das Thema ‘Berlin’ an: gerade weil in Deutschlands größter Stadt auch ein Großteil der Jazzmusiker des Landes leben, sind sie darauf angewiesen, in der ganzen Republik ihre Bühnen zu finden. So wird Jan von Klewitz´ funky groovendes Instrumental zum dankbaren Gruß an einen süddeutschen Auftrittsort – und berichtet umso eindringlicher von der Rückkehr in die multikulturelle Metropole.
Es ist kein Zufall, dass JazzIndeed auf „Ostkreuz“ neben drei handverlesenen Cover-Versionen auch Beiträge aller Bandmitglieder versammeln. Denn es ist die eigentlich eher unwahrscheinliche Kombination der fünf Musikerpersönlichkeiten, die den charakteristischen Bandsound prägt. Michael Schiefel findet dafür ein griffiges Bild. “Wenn man sich diese fünf Musiker anguckt und jeden einzeln betrachtet, wird man jeden an unterschiedlichen Polen innerhalb der Jazzwelt ansiedeln. Im Zusammenspiel setzt sich dann immer mal jemand anders durch. Je nachdem, welches Stück gerade gespielt wird. Dadurch klingt die Band oft extrem unterschiedlich, weil wir uns dann eben auf die Reise zu einem dieser fünf Pole hin begeben.”
Trotz aller Unterschiede: als Collage lässt sich die Musik von JazzIndeed genauso wenig beschreiben wie als Stil-Mix (was ja meist nur ein Euphemismus für den ‘kleinsten gemeinsamen Nenner’ ist). Jazzindeed haben einen gemeinsamen Bandsound entwickelt, ohne sich darin aufzulösen. Schiefel beschreibt das Quintett als “kommunale Band”. “Wir sind alle ungefähr gleich ‘treibende Kraft’.” Wenn ein Bandmitglied beispielsweise ein Stück mit zur Probe bringe, werde das so lange von allen bearbeitet, bis eine gemeinsame, neue Version entstehe. “Damit sind wir auch souveräner geworden. Anfangs hat uns das auch zu schaffen gemacht, weil da viel Unerwartetes passiert.”
Mit „Ostkreuz“, ihrem vierten Album, zeigen JazzIndeed, wie guter, zeitgemäßer Jazz entsteht: Wenn hervorragende Musiker zusammenkommen, ohne ihre Individualität an der Garderobe abzugeben. Wenn zeitlose Klassiker und unerhörte Klänge die Ohren des Publikums fesseln, ohne deren Hirne zu unterschätzen. Wenn nicht nach Konventionen gefragt wird, nicht mal, um sie zu brechen.
Dabei sind JazzIndeed auch noch eine der kontinuierlichsten Bands der jüngeren Jazzgeschichte. Schon anlässlich ihres Debüts vor fast zwei Jahrzehnten freute sich das Berliner Stadtmagazin zitty: “Sie sind zum Glück mehr als nur sicher im Stil. Das Berliner Quintett beherrscht die Grundlagen des Jazz so umfassend, daß für die Musiker Songs erst in dem Moment interessant zu werden scheinen, in dem sie über das Gewöhnliche und Gewohnte hinausgehen.”

Presse  „Ostkreuz“:

„JazzIndeed prägen den „Berliner Sound“, kompakt gespielt, trocken im Sound und schnippisch in der Haltung.“ (Audio, September 2011)

Jazzplatte des Monats August.
In den zurückliegenden Monaten gehörte die kulturelle Deutungshoheit vorwiegend Peter Fox. In den Dekaden davor arbeiteten sich Wahlberliner wie David Bowie oder John Watts an der mondänen Hemdsärmeligkeit, am dreckigen Charme Spreeathens ab und schufen mit kleinen Gesten große Hymnen. „Heroes“ und „Berlin“ fürs eiegne Berliner Songbook zu covern, schien also naheliegend für Jazzindeed. Sie tun dies mit dem gleichen urbanen Idiom, das auch ihre Eigenkompositionen auszeichnet: Die Songstrukturen kippen ständig von Exzessen zu leisen Momenten lyrischer Schlchtheit. Michael Schiefel haucht sich mit androgynem Timbre durch die Covernummern und seine eigenen Texte - wem „Schwarz zu Blau” zu prollig daherkommt, der findet bei „Nightbus“ die richtigen Worte für die Vibes der Hauptstadtnacht. Ob Berlin letztlich selbst kollektiv so fühlt und tickt, sei dahingestellt: „Ostkreuz“ bietet zumindest die stimmige Illusion - und ist ein so konzentriert wie gelassen gespieltes Album mit großen Instrumentalmomenten.
(ron) kulturnews, August 2011

„Er schmalzt und schmachtet, er reimt, rappt und jodelt. Stimmkünstler Schiefel ist die Seele des Quintetts, das in Kabaretts auftreten kann wie in Jazzclubs: Auf swingender Musik tanzen ironische und sentimentale Texte. Im Album „Ostkreuz“ geht es um Berlin, in der sich die fünf Musiker vor 18 Jahren zusammenfanden. Ein Glücksfall.“
Kulturspiegel, Hans Hielscher, August 2011

„Soundtrack einer Metropole. Ein Trip durch den urbanen Dschungel Berlins. CD der Woche“
(WDR, August 2011)

„Wirklich unter die Haut gehende Widerspiegelungen von Metropolen und deren Lebensgefühl
gelingen meist nur Künstlern, die nah am Puls der Zeit leben. Der Sänger Michael Schiefel und
seine Berliner Band JazzIndeed gehören zu dieser seltenen Spezies.
Keine andere deutsche Band hat solche Situationen so treffsicher eingefangen - kaum ein anderer
versteht sie so kongenial und poetisch in die Sprache des Jazz zu übertragen wie Michael Schiefel.“
(NDR.de, August 2011)

„Hat ein wenig gedauert, bis JazzIndeed w/Michael Schiefel sich ihrer deutschen Hauptsatdt
widmen, aber „Ostkreuz“ war das Warten wert. Schon der Opener ist klasse! Fischer Zs „Berlin“.
„Auf´m Dorf“ spielt nicht nur herrlich mit den Klischees dieser unterschiedlichen Lebensräume; es
zeigt vor allem auch den Arrangier-Witz und besonderen Humor dieses Quintetts. So spannend geht
diese Platte weiter. JazzIndeed und Michael Schiefel verblüffen immer wieder mit ihren
unkonventionellen Einfällen.“ (4,5 Sterne von 5) (Jazzthetik, September 2011)

„Das Sprungtuch namens JazzIndeed federt und fängt mühelos kleine Unebenheiten und
Stolpereien durch kollektives aneinadner schmieden ab und auf. Michael Schiefels langjährige
Erfahrungen als Solist und Gemeinschaftsarbeiter sind auch ein Garant für barrierefreie
musikalische Entfaltung.“ (Jazzpodium, September 2011)

„Die Scheibe macht Lust auf die Auftritte dieser Band! Denn eins ist sicher, jedes Konzert ist
definitiv anders, immer wieder überraschend und mitreißend. „Ostkreuz“ bringt die Spielfreude
und die Ausgelassenheit des letzten Konzertbesuchs in Erinnerung. Die CD macht Lust auf mehr,
macht Spaß, zeigt eine gleichberechtigte Band, zeigt Musiker, die sich den Raum nehmen, den sie
brauchen und wunderbar ausfüllen können ohne die Mitspieler aus den Augen zu verlieren“
(NDR Info, August 2011)

„Und auch wenn man von Jazz und vom Tuten und Blasen keine Ahnung hat, kann man doch sagen,
dass „Ostkreuz“ ein tolles Album ist.“ (Siegessäule, August 2011)

„Frisch, fröhlich, frei und ungezwungen. Mit „Ostkreuz“ wird Individualität lebendig. So gut kann
zeitgemäßer Jazz klingen. Eine Bereicherung höchster Güteklasse. Empfehlenswert!!!!“
(monsterandcritics, August 2011)

„Ein wundersames Konglomerat aus freigeistiger Jazzdenke, perfekter Instrumentenbeherrschung
und schier unerschöpflicher Kreativität. Sollte man sich nicht durch die Finger gehen lassen.“
(sound & image, August 2011)

„Man findet alles von laut bis leise, von wild bis zu sehr schlicht. Eine liebevolle Hommage. Eine
perfekte Liebeserklärung an die Hauptstadt.“ (unikosmos.de, August 2011)

[more…]

Lisbeth Quartett

11 Juli 2011

Konzerte ganzjährig auf Anfrage

11LisbethQuartettFoto@JochenQuastweb.jpg
Charlotte Greve_Sax
Manuel Schmiedel_Piano
Marc Muellbauer_Bass
Moritz Baumgärtner_Drums

New CD: Constant Travellers (Traumton Records), Release 10/2011

Soundcloud: Quiet Rush , Red  & The Tree
Video: Live at JazzBaltica 

Höher, weiter, schneller. Ja, es gibt diese seltsame Überzeugung: Jazz muss rasant, weltgewandt und unverbindlich sein wie ein Geschäftsmann auf Reisen. Überbordende Virtuosität scheint oftmals entscheidender als Nachhaltigkeit, ein schillerndes Konzept wichtiger als Bescheidenheit.
Umso erstaunlicher muss einem da das Lisbeth Quartett aus Berlin vorkommen. Drei der vier Mitglieder sind Anfang 20, aber wenn man die Musik der von der Saxofonistin Charlotte Greve gegründeten Formation hört, glaubt man, es mit lauter alten Seelen zu tun zu haben, denen sämtliche falsche Hektik vollkommen fremd ist.
Damit kein Missverständnis aufkommt: Die Stücke des Quartetts sind durchweg modern, sie leben von den Grooves und Kompositionsprinzipien der Jazz-Gegenwart. Aber in den Melodien und in den Soli offenbart sich eine Souveränität und ruhige Neugier, die nichts mit der Hektik der Billigflieger-Mentalität unserer Tage zu tun hat. Greve, Pianist Manuel Schmiedel, Bassist Marc Muellbauer und Schlagzeuger Moritz Baumgärtner sind Reisende alter Schule. Bedächtig, aufmerksam und immer im Moment - Suchende abseits der breit getretenen Touristenpfade der improvisierten Musik.
Das Lisbeth Quartett ist auch deshalb ein Glücksfall für den deutschen Jazz, weil sich hier vier Instrumentalisten zusammengeschlossen haben, die sich gewähren lassen, fordern und ergänzen. Es sind ganz unterschiedliche Erfahrungen, die bei den Mitmusikern der mehrfach preisgekrönten Bandleaderin zusammenkommen. Während Manuel Schmiedel als einer der meistgefragten Pianisten der Berliner Szene gilt und derzeit mit US-Gitarrist Kurt Rosenwinkel zusammenarbeitet, ist der ebenfalls extrem umtriebige Drummer Moritz Baumgärtner als Teil von Indie-Rock- und Elektro-Bands aus dem Umfeld der einflussreichen Formation „The Notwist“ auch jenseits der Jazzszene aktiv. Marc Muellbauer schließlich, unter anderem Mitglied des Julia Hülsmann Trios, zählt zweifellos zu den wichtigsten Bassisten des Landes.
Als Teil der renommierten, von dem Magazin „Jazz Thing“ und dem Label „Double Moon“ verantworteten „Next Generation“-Reihe veröffentlichte das Lisbeth Quartett 2009 die Aufnahme „Grow“. Das CD-Debüt brachte der Band viel Beachtung ein. Klarinettist Claudio Puntin lobte die „naturgegebene, ansteckende Kraft“ im Spiel der Bandleaderin, Saxofonist David Binney attestierte ihr eine Weisheit in der Balladeninterpretation, die weit jenseits ihrer Jahre liege. Für das Lisbeth Quartett folgten Konzerte beim 12 Points Festival in Dublin, bei der Burghausener Jazzwoche, dem European Jazz Meeting in Berlin und dem Festival JazzBaltica in Salzau, wo Saxofonistin Greve mit dem „JazzBaltica Förderpreis 2010“ ausgezeichnet wurde.
„Constant Travellers“, das neue, bei „Traumton“ erscheinende Album, kann man als organische Weiterentwicklung von „Grow“ bezeichnen. Das Quartett ist gewachsen, offener geworden. Die vier Instrumentalisten begeben sich da auf eine Expedition zum Ursprung der Musik, zur Melodie. Sie machen sich dabei auf einen ähnlichen Weg wie ihre Forschungskollegen im Geiste, Lee Konitz, Bill Evans, Charlie Haden oder Paul Motian, aber sie kommen ganz woanders heraus.
Das suitenartige Titelstück „Constant Travellers“ ist dafür das beste Beispiel. Das an sich simple Thema wird von Musiker zu Musiker vorsichtig weitergereicht; es entsteht dabei eine Art von schräger Kanon, der sich wie eine Mischung aus Bach-Fuge und Ornette-Coleman-Harmolodics ausnimmt. Mit still glühender Intensität spielt sich die Band in einen veritablen Rausch – um das Stück-Motiv anschließend im zweiten, balladesken Teil von „Constant Travellers“ zeitlupenartig zu sezieren. In dieser Suite findet sich alles, was das Lisbeth Quartet ausmacht: Eine nie zum Selbstzweck eingesetzte Fingerfertigkeit, eine ungemeine Konzentriertheit, aber auch eine spielerische Gewitztheit, die jeglichem Pathos vorbeugt.
Man kann es nicht anders sagen: Das Lisbeth Quartett ist ein Unikum in unserer hektischen mobilen Welt. Constant Travellers, mit Sinn, Herz und Verstand.
Presse:

Das Rad, so viel steht auch im Jazz seit etwa 40 Jahren fest, ist längst erfunden und erforscht und zu einem Lehrstoff für die Akademien geworden. Doch es dreht und dreht sich immer weiter und befördert Musiker ins Licht der Scheinwerfer, mit denen nicht zu rechnen war. Musiker wie das Lisbeth Quartett der Berliner Saxofonistin Charlotte Greve, das zu drei Vierteln gerade erst dem Jugendalter entwachsen ist. Mit selbstverständlicher Wucht und ausgeschlafener Spielfreude ziehen die vier Musiker ihre Runden, kratzen mit garstigen Akkorden an den Leitplanken der harmonischen Struktur und laden den swingenden Puls mit Reibungsenergie auf. Sie sind Könner, denen der Jazz schon ins Blut übergegangen ist. Doch wenn dann die Saxofonistin ihr Instrument ansetzt, zieht ein anderer Horizont auf, und jeder Gedanke an das Durchschnittsalter des Quartetts ist vergessen. Ein einziger Ton genügt: Markant und scharf und mit treffsicherem Timing schneidet er durch das Brodeln der Akkorde und steht im Raum wie ein Monolith. Charlotte Greve pfeift auf die Klischees und auf das athletische Schneller-Höher-Weiter - sie lässt ihren Ideen Zeit, sich zu entwickeln, lässt jedem einzelnen Ton den Raum, in dem er sich zu voller Größe auswachsen kann, bevor sie sich in einer geschmeidigen Bewegung zum nächsten, übernächsten schwingt. Nichts ist in dieser Musik vorhersehbar, nichts ist sicher. Das junge Lisbeth Quartett gibt eine Demonstration der Reife.
DIE ZEIT #44, Stefan Hentz, 27.10.2011

„Follow The Circus“ heißt eine der Kompositionen von Charlotte Greve. Aber genau das tut die 22-Jährige gerade nicht: Sie folgt keinem der Trends, der in den vergangenen Jahren den Jazz bestimmte. In der Musik der Altsaxofonistin und ihrem Lisbeth Quartett finden sich keine postmodernen Vexierspiele, keine beißende Ironie, kein Liebäugeln mit dem Pop und den elektronischen Möglichkeiten der digitalen Gegenwart.
Kurz: Charlotte Greve veranstaltet keinen Zirkus. Ihr Spiel ist von einer großen Gelassenheit und Konzentration geprägt. Man muss nur hören, wie behutsam sie bei „The Tree“, der Eröffnungsnummer von „Constant Travellers“, das Thema entwickelt. Man könnte dieses an Lee Konitz oder Charlie Mariano erinnernde Spiel „Neo-Cooljazz“ nennen – was sich auch Manuel Schmiedels zuweilen an Bill Evans gemahnender Akkordarbeit am Klavier verdankt.
Aber vor allem das zweigeteilte Titelstück zeigt, dass das Lisbeth Quartett auch durchaus dem Experimentellen zugeneigt ist. Greve, Schmiedel, Bassist Marc Muellbauer und Drummer Moritz Baumgärtner arbeiten sich da gemeinsam an einem Motiv ab, das von Instrument zu Instrument weitergereicht wird. Das hat nichts Angestrengtes, nichts Ätherisches. Mit großer Seelenruhe und einiger nie zur Schau gestellten Virtuosität begeben sich hier vier Musiker auf eine viel versprechende Expedition, auf deren weiteren Forschungsergebnisse man in der Zukunft gespannt sein darf.
Rondo, Josef Engels, 24.12.2011  

Lust auf sympathischen Modern Jazz? Das Lisbeth Quartett aus Berlin erfüllt diesen Wunsch auf angenehme Weise. Chartotte Greve demonstriert mit sieben Eigenkompositionen ihre fantasievolte Erfindungsgabe. Diese verknüpft sie mit Altsax-Diskursen, die eine individuelle Formensprache haben. “The Tree” ktingt wie eine zarte impressionistische Naturbeschreibung, aber auch in bewegten Stücken wie in den beiden Parts des Albumtitels überzeugen die Chorusse der Saxophonistin durch Gelassenheit. Diese Haltung bestimmt die gesamte lmprovisations-Gestik der Formation.
Musik **** KLANG ****
STEREO, 11/2011

Keine schnellen Neo-Bebop-Läufe, keine disharmonischen Reflexionen aus dem Alltag unserer lauten, lärmenden Welt? Geht das überhaupt? Ja, offensichtlich ist das möglich, wie das Lisbeth Quartett aus Berlin auf seinem zweiten Album (nach “Grow” 2009) belegt. Konstant unterwegs sein bedeutet, keinen festen Haltepunkt mehr zu haben, sondern von Ort zu Ort zu ziehen und bestenfalls ein paar später verwehende Fußspuren zu hinterlassen. Die überwiegend von Saxophonistin Charlotte Greve komponierten Stücke wirken wie aus einem Holz geschnitzt, unterscheiden sich jedoch in vielerlei Nuancen und Wandlungen. Mit Ausnahme eines Titels sind alle Stücke mehr als acht Minuten lang, Zeit also, die das Quartett zur ausgiebigen Darstellung seiner musikalischen Vorstellungen nutzt. Aufbau und Improvisation sind gelungen, die Vielschichtigkeit der Musik öffnet sich dem Ohr des Hörers recht schnell, Themen findet das Quartett in den Assoziationen des Unterwegssein.
WESTZEIT, Klaus Hübner, 10/2011

Stilvolle Höhenwanderung
Das Berliner Lisbeth Quartett mit der Saxophonistin Charlotte Greve bei “Jazz lt” in der Germeringer Stadthalle
Natürlich kommt Charlotte Greve aus Berlin. Woher denn auch sonst? Doch geboren ist die Saxophonistin in der norddeutschen Provinz am Rand der Lüneburger Heide. Nicht eben ein förderliches Pflaster für jemanden, der schon früh vom Virus des Jazz infiziert wurde und seinen Lebensunterhalt mit dieser Musik verdienen will. Hierfür sind die Voraussetzungen in der deutschen (Jazz-) Hauptstadt dann wohl doch um einiges besser - sofern man sich in diesem Schmelztiegel an musikalischen Stimmen und Stimmungen auch zu behaupten versteht.
Charlotte Greve kann sich akustisch aber sehr gut durchsetzen, ja sogar für gewaltiges Aufsehen sorgen, wie sie am vergangenen Freitag in der Germeringer Stadthalle bewiesen hat. Mit ihrem Lisbeth Quartett war sie zu Gast bei Jazz It im Amadeussaal und hat, das kann man an dieser Stelle getrost feststellen, das Publikum mit ihren musikalischen Visionen völlig verzaubert. Nicht mit altbackenem Mainstream, nicht mit zuckersüßen Popballaden im anbiedernden Jazzgewand und schon gar nicht mit schmeichelnden An- und Abmoderationen. Die Musik ihres Quartetts fesselte auf ungewöhnliche Weise. Leicht und verspielt klang die Band, und mit beinahe kontemplativer Gelassenheit widmete sich das Quartett den sehr komplexen Kompositionen, die fast alle aus der Feder Charlotte Greves stammten. Kompositionen, die trotz ihres hohen Niveaus und ihrer Qualität etwas bizarr Betörendes, ästhetisch Charmantes vermittelten. Ja, Jazz darf auch einfach schön klingen. An diesem Abend ging es also nicht um das ekstatische Chorusspiel, um das Erklimmen der Achttausender im Umfeld der freien Improvisation. Die beiden Sets von jeweils knapp einer Stunde erinnerten mehr an eine gemeinsame, anspruchsvolle Höhenwanderung, manchmal mit. schwindelerregend reizvollen Aussichten, manchmal am Klettersteig gefährlich balancierend, dabei immer die musikalische Landschaft des 20. Jahrhunderts genießend und motivierend im Blick. Im Vordergrund dieser musikalischen Entdeckungsreise standen - neben der kompositorischen Ambitioniertheit - Gruppenklang und Teamgeist, Konzentration, Innovation und eine gezügelte Leidenschaft.
Charlotte Greves Ton ist verhalten, klingt aber nicht verletzlich. Sie marschiert auf dem Altsaxophon nicht im Stechschritt nach vorn, sondern koloriert mehr, gibt der Musik diese überraschenden Wendungen und melodischen Impressionen. Sie spielt sparsam, deutet oft einen Ton nur knapp an, steht rein musikalisch mehr hinter der Band, was einen beinahe sibyllinischen Reiz ausübt. Ihr begleitendes Trio zeichnet sich durch flüssigen Mannschaftsgeist aus. Manuel Schmiedel am Piano klingt versöhnlich (nicht gefällig!), sucht die Provokation, die pianistischen Reibungspunkte in kleinen, raffinierten Figuren. Bassist Marc Muellbauer glänzt durch sein ruhiges, die Richtung vorgebendes,oder einen Wechsel einläutendes Spiel. Wenig scheint ihn zu erschüttern - zumindest musikalisch. Und Sebastian Merk hält am Schlagzeug die rhythmischen Fäden sicher inden Händen, ist dynamischer Motor und empathischer Mittler zwischen den einzelnen Instrumentalisten in Person. Live wirkt die Band insgesamt um vieles spannender und ungeschliffener als auf ihrer ersten CD mit dem Titel “Grow”. Bleibt zu hoffen, dass etwas von der in Germering erlebten stillen Sprengkraft des Lisbeth Quartetts auch auf der neuen CD “Constant Travellers” (Traumton) enthalten sein wird. Sie erscheint im November.
Süddeutsche Zeitung, Von Jörg Konrad , 20.09.2011  

[more…]